BERLINER SCHULE FUCAST

Im umfangreichen FUcast beantwortet Farin Urlaub Moderatorin Silke Super (so ziemlich) alle Fragen zu "Berliner Schule", Leben und Werk und dem ganzen verdammten Rest.

"Berliner Schule" klingt zu Anfang sehr rough, zum Ende denkt man aber: "Och, das klingt fast schon wie Platte!". Sind die Songs mit besseren Geräten einfach besser geworden?
Das Gerät, die Aufnahmetechnik und natürlich auch der Aufnehmende, weil: Wenn ich 30 Jahre gar nichts dazugelernt hätte, wäre es ja auch peinlich. Wenn man sich "Antimattergun" anhört, dann wirkt es wirklich schon so, als könnte man damit ins Studio gehen, das richtig mischen und dann würde es ok klingen. Aber vom Arbeitseinsatz – von mir aus gesehen – war es überall der gleiche; alle Songs sind nur als Vorlage gedacht.
Hat sich deine Arbeitsweise mit dem Fortschreiten der Technologie verändert und/oder deine Kompositionsarbeit beeinflusst?
Auf dem zweiten DÄ-Album hatten wir das erste Mal Streicher, wenn ich mich recht erinnere. Und das war schon ein Riesenschritt, andere Musiker zu uns zulassen, denen was vorzusingen oder vorzuspielen und das dann gestrichen zu hören: "Wow!" Das kann man jetzt alles selber machen. Es gibt kein Instrument, was ich nicht in irgendeiner Library habe, zum Beispiel die programmierte Tabla. Das ist ein Lernprozess gewesen: dass man lernt, zu programmieren. Beim letzten "Racing Team"-Album habe ich bei drei/vier Stücken die Bläser-Arrangements komplett zuhause gemacht – und Lob gekriegt: "hast du gut arrangiert!" Die Bläser der "Busters" sind schon sehr empfindlich, wenn ich zum Beispiel die Posaune nach oben und die Trompete nach unten setzen würde. Man lernt dazu. Ob das Einfluss auf die Komposition hat, weiß ich nicht, auf das Arrangement aber definitiv – ich bin viel freier.
Das Lesen deines Booklet impliziert, dass du neuen Studiogerätschaften gegenüber sehr aufgeschlossen bist. Muss man als Musiker immer schauen, was zum Beispiel an neuen Effektgeräten zu haben ist?
Nein, bei mir ist das nicht so. Bis auf den "Virus", einen super Synthesizer; von dem war ich echt beeindruckt, da kommen Sounds raus, die mich dann auch wieder inspirieren. Aber ansonsten: Die Studio-Effektgeräte von Hall über Bitcrusher und Co, da ist es eher so, dass ich was im Ohr habe und ich nach dem Effekt suche, der das möglich macht. Rod ist da auf einem ganz anderen Niveau. Als ich angefangen habe, mein erstes Album aufzunehmen, ist er in mein Studio gekommen, hat mir einen Mastering-Computer geschenkt und ein paar Tipps gegeben; er ist da wirklich up to date. Ich dagegen lerne halt dazu. Aber dass ich aus Prinzip mal gucke was es Neues gibt – eher nicht. Eher, dass ich mal denke: Ich würde gerne diesen Effekt haben, wie krieg ich den eigentlich hin? Und dann fang ich an zu suchen.
Du suchst oder du liest die Gebrauchsanweisung?
Je nachdem, wenn ich ein Gerät habe wo der Effekt drin sein sollte, les ich auch mal die Gebrauchsanweisung, aber ansonsten ist es eher so, dass ich einen Track höre und denke: "Den Sound hätte ich gerne" und dann frage ich die Leute, wie dieser gemacht worden ist. Manchmal ist es ganz einfach, dann sagen sie: "Da brauchst du dieses Gerät", und dann klingt das auch so. Manchmal ist es aber echt kompliziert und dann schaffe ich es meistens nicht.
Du schaffst es immerhin alle Sounds, die du im Kopf hast, aus irgendwelchen Geräten oder Instrumenten rauszuholen.
Mittlerweile ja. Am Anfang natürlich gar nicht, da war noch viel selber machen dabei.
Benennst du die Songs in der Demoversion schon so, wie sie auf der Platte heißen?
Wir haben jetzt für das Album drei Namen geändert. Ansonsten hatten die alle schon Titel, da sie den Bands ja bereits vorgestellt wurden. "Track 4" macht sich meist nicht so gut, ich probiere dann zündende oder logische Titel zu geben.
Wie ist es mit "Turmstraße"?
Das ist in der Turmstraße entstanden, das stand tatsächlich so auf meiner Kassette: "Turmstraße Demo". Es ergibt natürlich keinen Sinn, aber dann ist es halt so. Es war einer der ersten Songs, den ich damals dort aufgenommen habe.
Es gibt gewisse Themen, die sich thematisch durch deine Arbeit ziehen.
Das ist mir umso mehr aufgefallen, als ich das alles zusammengestellt habe. Es hat mich offenbar interessiert.
Mich hat überhaupt nicht überrascht zu erfahren, dass es religiöse Menschen mit dem Auftrag gab, dich zu bekehren. Gibt es vielleicht auch Leute, die psychologisch unterwegs sind und sagen: "Lieber Herr Urlaub, als Fan ihrer Musik fiel mir auf, sie sollten dringend mal drüber nachdenken..." Attestieren dir Leute, dass du ...
... eine Macke hast? Ja, das kommt schon vor.
Aber du arbeitest das ab, oder?
Dafür mach' ich Musik, ja.
Du machst immer so einen aufgeräumten Eindruck, was auch immer Cooles dir durch den Kopf geht, du kannst es loslassen.
Das ist ja das Schöne: Wenn ich Krimiautor wäre, würde ich eine Person die abscheuliche Morde machen lassen, aber ich hab es ja viel einfacher. Von "Schatten" über "Ich bin ein..." sind es Stücke, in denen Menschen etwas Böses angetan wird. So muss ich das nicht machen.
Du bist ein "Verbal-Mörder".
Genau.
Ich finde sehr beneidenswert an eurer Karriere, dass ihr euch über die Jahre gnadenlos alle Träume erfüllt habt. Ist noch irgendwas für dich persönlich auf der Liste? Eine Band die ins Vorprogramm muss, eine Rolle die du in einem Video spielen willst – oder ist schon alles durch?
Zu Bands mit denen wir zusammen spielen wollen: Wir wollten mal "Slayer" für die Wuhlheide-Show haben. Das war schon sehr weit fortgeschritten, aber dann haben sie für diesen Tag ein Festival Angebot gekriegt, was wir nicht toppen konnten – sehr schade. Sie haben diese Konstellation durchaus verstanden, das wäre schon sehr cool geworden: "Die Ärzte / Special Guest: Slayer".
Die "Village People" waren schon nicht zu toppen, das war einfach nur gute Laune. Slayer hätte auch funktioniert.
Ansonsten geht es mir in meinem Träumen nicht darum, dass ich irgendwas darstellen, sondern, dass ich etwas erleben möchte. Meine Träume beziehen sich fast ausnahmslos auf Reisen und Abenteuer und vielleicht noch auf Sprachen, die ich lernen möchte. Aber ich bin hartnäckig dabei alles nach und nach zu erfüllen.
Bist du jetzt ein begnadeter Tänzer, wie "Lieblingslied" uns glauben macht, oder bist du doch eher nicht zum tanzen geboren was mein letzter Infostand war?
"Weil es blaue Flecken und Verletzte gibt mein Schatz" ist nicht unbedingt begnadet oder? Es ist so nah an der Wahrheit, wie ich im Booklet geschrieben habe – es ist fast schon peinlich.
Bei welchem Song tut es dir am allermeisten Leid, dass er nicht auf einem regulären Album erschienen ist?
Bei "Power of Blöd" war es schade, dass er nicht drauf gekommen ist, aber wir hätten uns damit keinen Gefallen getan. Dann hätten die Leute uns nicht ernst genommen. Leider muss ich zugeben, auch wenn es damals geschmerzt hat, hat es heute alles seine Richtigkeit so.
Aber es gibt ein paar die sind realistisch näher dran an einer Veröffentlichung als andere?
Ja, ein paar sind näher dran und sehr viele sind sehr weit weg davon.
Wenn du in dich reinhörst: Ist irgendwann alles fertig erzählt – oder hast du endlos Geschichten in dir?
Wenn ich mich hinsetze, einfach so, und überlege worüber ich jetzt singen will, dann fällt mir oft auf: Moment – 1994 hast du schon mal einen Text dazu geschrieben. Über die großen Themen, die mir am Herzen liegen, abgesehen natürlich von Liebe und Reisen, nämlich Freiheit, Ehrlichkeit und Angst vorm Tod, hat man dann irgendwann schon mal gesungen. Und wir haben uns manchen Themen schon auf verschiedenen Ebenen genähert, z.B. "Ich bin Reich" in den 80ern wurde zu "Geld" in den 90ern.
Texte werden eher das Problem, als die Musik. Musik? Ey, until I die – kein Problem!
Du wirst ein großer Instrumental-Musiker!
Wenn das jemand hören wollen würde – vielleicht.
Du hast einen Song für die Band EL*KE geschrieben. Machst du das schon längst regelmäßig für andere und keiner weiß es?
Wie ich ja im Booklet schon ehrlich geschrieben habe: Ich wollte das gerne eine Zeit lang, weil ich dachte, ich wäre soweit, aber dann hab ich es ein paar Mal versucht und die betroffenen Künstler haben alle dankend abgelehnt. Vielleicht bin ich doch nicht gut genug. Was ich aber gemerkt habe, ist, dass es eine total Befreiung ist, für andere Leute zu schreiben. Ich wusste, was EL*KE machen und als ich dann den Startschuss bekommen habe, habe ich einen für mich untypischen Text geschrieben, der aber sehr zur Band gepasst hat. Das macht mir tatsächlich Spaß, mich in eine andere Welt reinzudenken und ich glaube dass das inspirierend ist – natürlich bitte für keine rechtsradikale Band.
Vermutlich ist dir keiner deiner Songs in irgendeiner Form peinlich, weil sie doch immer als Spiegel für die Zeit stehen, in der sie entstanden sind – oder nicht?
Genau, mir sind vor allem ein paar Textstellen peinlich, wie ich auch zu der Erklärung zu "Christine" geschrieben habe. Es gibt noch Häufungen von Songs, die nicht veröffentlich sind, die z.B. sehr pubertäre á la "Mädchen sind voll doof". Da merkt man schon, dass Herr Urlaub in den 80er ein Problem hatte. Das ist mir dann peinlich, aber: Hosen runter – das muss dann auch mal raus, damit die Leute sehen: Er kann auch mal so richtig ins Klo greifen.