BERLINER SCHULE FUCAST

Im umfangreichen FUcast beantwortet Farin Urlaub Moderatorin Silke Super (so ziemlich) alle Fragen zu "Berliner Schule", Leben und Werk und dem ganzen verdammten Rest.

Gibt es den klassischen Entstehungsweg eines Songs, ein Muster, das über die Jahre ermittelt werden kann?
Die Songs entstehen schon alle anders, aber es gibt natürlich Entstehungsgeschichten, die häufiger sind als andere – "Muster" würde ich das nicht nennen. Aber wenn ich lange auf dem Motorrad sitze – lange heißt: eine Woche aufwärts – dann kommt am Ende ein Album bei raus, also 20-30 Stücke pro Monat. Die sind nicht alle gut, aber mein Gehirn wird durch die ruhige Bewegung sehr angeregt; du sitzt still aber die Welt rast an dir vorbei, unmittelbarer als im Auto, weil du eben nur deine Klamotten, den Helm und ein paar Goggles dazwischen hast. Dann kommt meistens erst die Melodie, für die ich dann die Worte suche und den Rest zuhause erarbeite. So entstanden bestimmt die Hälfte der Songs. Dann gibt es den Weg, der mir am liebsten ist, aber selten vorkommt: dass mir der fertige Lied aus heiterem Himmel wie ein Ei in mein Hirn gelegt wird und ich es nur so schnell wie möglich auf dem Diktiergerät festhalten muss, damit ich es in Ruhe aufnehmen kann.
Wie hältst du denn die Ideen beim Motorrad fahren fest?
Rechte Hand am Gasgriff, linke Hand in die Tasche zum Diktiergerät – ich fahr ja nicht 200 km/h, das ist Übungssache. Dann gibt es noch zwei weitere Wege: Wenn ich zuhause mit der Gitarre vor mich hin spiele und plötzlich eine Akkordfolge dabei ist, zum Beispiel weil ich mich vergriffen habe oder einen neuen Akkord spiele. Ich habe tatsächlich vorgestern das erste Mal einen neuen Griff gespielt, den ich noch nie in meinem Leben gehört habe und der total großartig klingt; selbst nach all den Jahren geht das noch. Wenn das dann zwingend nach einem Lied schreit, arbeite ich daran. Und dann kommt es auch vor, dass ich einen Satz oder ein Wort lese, höre oder spreche und denke: "Das hat irgendwie Musik!", dann mache ich daraus einen Text. Das sind die häufigsten vier Arten der Lieder-Entstehung.
Man hört einige "Nananas" und "Schubidus". Arbeitest du viel mit Text-Platzhaltern?
Die "Schubidus" und "Nananas" sind tatsächlich so gemeint, also Beatle-esk, oder wie im "Doo Wop". Da musste auch kein Text hin, den würde man in dieser Stimmlage gar nicht verstehen. Aber es gibt tatsächlich Diktiergerät-Aufnahmen in denen das Gitarrenriff schon steht und ich darüber "Nananana" singe. Das ist ziemlich jämmerlich, aber da kommt dann so die Intensität der Melodie durch, also wo der Text kumuliert. Ein schönes Beispiel ist der Song "Fiasko" vom letzten die ärzte-Album "auch": Ich habe ein Vierteljahr nach einem dreisilbigen Wort gesucht, das auf der zweiten Silben betont wird und möglichst viele strahlende Vokale beinhaltet. Ich bin durch das Leben gegangen und dachte: "Ich brauche irgendein Wort, was da hinkommt!" Dann habe ich mich mit Handwerkern unterhalten, die gerade ziemlichen Mist gebaut haben: "Das ist ja ein totales Fiasko hier! – MOMENT!", so was gibt es dann auch.
Wenn aus einer konkreten Geschichte ein Song wird, wie zum Beispiel beim Bootsrennen in "A.U.S.T.R.A.L.I.E.N.", ist das dann eine Direktumsetzung oder arbeitet so eine Geschichte?
Das arbeitet dann. In diesem Fall war es tatsächlich so, dass Australien für die ganze Produktion von "Im Schatten der Ärzte" ein Running-Gag-Land war. Wir waren alle noch nicht dort und das, was uns unser damaliger Produzent Micki Meuser darüber erzählte, war großartig und absurd. Dann sah ich kurz danach den Monthy Python-Sketch mit "Bruce! Hey Bruce!" – da musste ich ein Lied draus machen. Dann habe ich alles ziemlich unelegant zusammengewürfelt; das ist echt so ein Text, bei dem es mir heutzutage die Fußnägel kräuselt. Aber damals war ich natürlich stolz.
Bitte vervollständige folgenden Satz: "Das B-U-C-H-S-T-A-B-I-E-R-E-N von Worten in Songs ist ..."
T-O-T-A-L C-O-O-L! Für die sich daran nicht erinnern: Da gibt es ein Vorbild von "Bay City Rollers": S-A-T-U-R-D-A-Y NIGHT!
Wenn du Songs über bestimmte Menschen oder Erlebnisse schreibst: Setzt du dich bewusst hin und versuchst es oder wartest du, bis der Song "zu dir kommt"?
Es gibt ein konkretes Beispiel für einen wirklich zähen Arbeitsweg. Ich habe mal für das Album "Am Ende der Sonne" vom Farin Urlaub Racing Team ein Lied über depressive Selbstmörder geschrieben Da ich null depressiv bin – dieser Sonnenschein, der aus mir rauskommt, ist leider nicht gespielt, das ist wirklich so – hat mich das wirklich viel Kraft gekostet. Ich hab dann gewartet bis das Wetter schlecht wurde und habe mir ganze viele negative Gedanken gemacht. Dann habe ich versucht, aus mir herauszugehen und mich zu fragen: "Wie würde ich mich jetzt fühlen? Wie kann ich die Situation beschreiben?" Ich weiß nicht ob es mir gelungen ist, aber da habe ich richtig hart am Text gearbeitet. Ansonsten gibt es ja die situativen Texte, da habe ich dann die Situation vor mir und beschreibe sie so, wie sie mir gefällt. Das ist definitiv einfacher, als sich in Leute reinzuversetzen.
Wie viele Songs, die nichts werden, kommen grob geschätzt auf einen Album-Song?
Wenn du die angefangenen Songs mitrechnest – also die, die ich dann noch nicht mal im Studio fertig aufnehme – sind es ungefähr sechs, also fünf zu eins: fünf angefangene Songs zu einem, der dann auf das Album kommt.
Wie ist denn die Entscheidungsfindung beim Farin Urlaub Racing Team? Hier bist du doch der Chef, oder?
Das war auch meine Vorstellung, bis das Racing Team gemeutert hat und sagte: "Ne, den Song wollen wir nicht, der ist nicht gut!" – Moment mal, guck mal, was hier steht! Steht hier "Cindia Racing Team"? Aber die sind hart geblieben und fanden es einfach nicht gut. Dadurch, dass wir eh genug Songs hatten, war es zu verschmerzen. Aber da war ich schon ... beleidigt. Jetzt bin ich schon der Chef und es reicht immer noch nicht, verdammt! (lacht)
Rod hat einen Drum-Track eingespielt – sonst hast du alles selbst gemacht? Tablas, Sitars u.s.w.?
Nein, die Tabla hab ich programmiert. Außerdem gab es damals eine Sitar-Gitarre namens "Coral Sitar". Ich habe zwar eine Sitar zuhause und kriege auch eine Melodie gespielt, aber die ist so unstimmbar – das ist ein Riesenaufwand. Mit der "Coral Sitar" klingt es dann halt ein bisschen so. Dazu habe ich auch noch eine indisch anmutende Skala gespielt – soweit geht dann das musikalische Wissen zum Glück.
War die Zusammenstellung des Albums so ein bisschen wie alte Fotos angucken, eine akustische Zeitreise?
Ja, deswegen habe ich mich auch dagegen entschieden, alles "schön" zusammenzustellen, also so, dass eine Dynamik entsteht. Bei zwei Liedern war ich mir nicht mehr sicher, weil die Jahreszahlen verloren gegangen sind, aber ansonsten sind die Songs chronologisch angeordnet; in der Reihenfolge, wie sie mir eingefallen sind und wie ich sie aufgenommen habe, sind sie auch veröffentlicht. Das macht das Album natürlich nochmal schwieriger zu hören, weil manchmal ähnliche Songs aufeinander folgen. Das versucht man normalerweise zu vermeiden – aber so ist es halt.
Es macht sehr anschaulich, welche Wege Ideen bei dir nehmen und gibt einen schönen Einblick in deine Arbeit: Wie entsteht eigentlich ein Song? Wo kommen die Ideen her?
Es ist alles sehr ehrlich und hat mich auch Überwindung gekostet, aber wie gesagt: Johannes Haushofer hat mich überzeugt.
Bringen dich deine lustigen Parts innerhalb der Songs noch heute zum Lachen?
Es ist total peinlich, das zuzugeben, aber es gibt echt Stellen, wo ich denke: "Das gibt’s doch nicht, wie peinlich!" – aber ich bin schon begeistert davon. Manchmal bewundere ich meine eigene Chuzpe: "Alter, da haste dich echt was getraut!". "Power of Blöd" finde ich zum Beispiel sehr lustig. Zwar doof – aber eben echt lustig. Das darf man eigentlich nicht sagen, muss man ja über seinem eigenen Werk stehen, aber das fällt mir schwer.
Warum hast du dich dazu entschieden, die Songs nicht weiter zu bearbeiten?
Dafür sind sie dann doch nicht gut genug, das kann ich mit den vielen Jahren Abstand zugeben. Es sind ein paar Ideen drin, die hätte man retten können und dann vielleicht einen besseren Text oder Musik schreiben, aber grundlegend: nee. Es richtet sich wirklich an Leute, die sich dafür interessieren, wie der Rest entstanden ist, es erklärt ganz schön viel. Es ist eben nicht das neue "Farin Urlaub" oder die ärzte-Album – um Himmelswillen, bloß nicht – aber es ist sehr ehrlich. Die Sachen jetzt wieder in die Hand zu nehmen wäre mir wie ein Rückschritt erschienen, mir fallen ja ständig neue Sachen ein. Es gibt seit dem letzten FURT-Album ein Back-Log von circa 200 Ideen, die darauf warten, zu einem Song gemacht zu werden. Sich jetzt mit dem alten Scheiß auseinanderzusetzen wäre ... das war ja jetzt schon Auseinandersetzung genug, die überhaupt nochmal so zusammenzustellen.